Nationalsozialistische Europapläne

 

 

3. Europapläne bis Stalingrad
 
 

3.1. Hitlers Europa und frühe Europapläne anderer Nazis
 
 

Obwohl sich Hitler auf keine Kriegziele festlegen wollte (siehe oben), gab es eine Flut von Publikationen zum neuen Europa. Hitler selbst ließ die Spitze der Reichswehr bereits vier Tage nach der Machtergreifung wissen, er werde mit der Eroberung und Germanisierung von Lebensraum im Osten nicht zögern und er werde eine großdeutsche Volkstumspolitik betreiben um alle Deutschen in einem Reich zu vereinigen. (Hoensch 1995: 307) In "Mein Kampf" hatte er noch einen Bund mit Italien und England vorausgesehen, Frankreich sollte seiner Großmachtstellung beraubt werden. Danach würde er sich der Vergrößerung des Lebensraumes im Osten zuwenden. In der Mitte Europas sollte ein Reich aller Deutschen - weit über die Grenzen von 1914 hinaus - enstehen. Dieses Kernland, daß auch die Tschechen mit einbezog, sollte 100 Millionen EW enthalten. Bereits 1924 hatte auch Nonnenbruch von einem großdeutscher Wirtschaftraum mit Österreich, der Tschechoslowakei und Italien geträumt. (Nonnenbruch 1939 [1924]: 98-99) 1928 entwirft Pleyer ein Reich aus Ostalpen, Sudetenraum und Ostmark. Er begründet diese Forderung bereits rassisch:

...Das Recht und die Pflicht, die Mitte des Kontinents politisch zu organisieren leiten wir ab aus dem Tatbestand, daß ganz Mitteleuropa...kulturdeutsch ist...Das deutsche Volk...soll durch die ordnende Zusammenfassung der politischen Kräfte Innereuropas seiner gesamteuropäischen Aufgabe dienen...[Aber] Im neuen Reichswesen muß der beengte deutsche Blutdruck sich nach dem ferneren Nordosten und Südosten Europas fortpflanzen können." (Pleyer 1928: 16)

1934 spricht Hitler von einem stählernen Kern aus Österreich der Tschechoslowakei und Westpolen. Außerdem stellt er verschiedene Bündnisse aus formell alliierten aber natürlich nicht gleichberechtigten Blöcken auf. Diese nennt er den "Ostbund" (Baltikum, Balkanstaaten, Ukraine, Wolgaland und Georgien) den "Westbund" (Holland, Flandern und Nordfrankreich) und den "Nordbund" (Dänemark, Schweden sowie Norwegen). Hitler benützte den Begriff Europa zuerst nur widerwillig, seine Haltung änderte sich erst nachdem er Europa für sich selbst und den Nationalsozialismus blutsmäßig definiert hatte d.h. "erst nachdem er "Europa" zu einem weiteren Synonym für das Germanische Reich deutscher Nation gemacht hatte." (Lipgens 1968: 9). So definiert Six zum Beispiel Europa als "der aus der Gestaltungskraft der arischen Rasse geschaffene Lebensraum der europäischen Rassen und Völker." (Six in Six 1942: 14)

Der Nationalsozialismus lehnte die Europapläne Coudenhove-Kalergis strikt ab; Rosenberg bezeichnete seine Pläne als den Versuch ein Franco-Judäa zu errichten (Rosenberg 1934: 9) und betonte, daß der Nationalsozialismus ein Programm für Deutschland, nicht für Europa sei:

Unsere Bewegung ist ...darauf bedacht, sich nicht etwa in einen internationalen "nationalsozialistischen Bund" zu verwandeln, der dann etwas wie ein Kirchenkonzil zu entscheiden hätte, was wahrer und was nicht wahrer Nationalsozialismus sei. Das Urteil über eine solche Frage steht nur uns zu. (Rosenberg 1939: 6)

Rosenberg sah die künftige Struktur Europas 1934 als Resultat eines Viermächtepaktes bestehend aus den nationalistischen Bewegungen Italiens, Frankreichs, Englands und Deutschlands. (Rosenberg 1934: 8-12) Auch die Staaten der Ostsee (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) und der Donauraum sollten inkludiert werden um ein "organisches Zentraleuropa" zu formen.(Rosenberg 1934: 20-21)
 
 

3.2. Im Rausche des Sieges: Pläne für den Westen
 
 

Am ambitioniertesten sind die Pläne für ein neues Europa natürlich während der Siegeswelle von 1940/41 gewesen. Zu diesem Zeitpunkt wurde über die Eingliederung Dänemarks, Norwegens, der Niederlande und Belgiens in ein Großgermanisches Reich debattiert – Hitler wollte aufräumen mit dem "Kleinstaatengerümpel". (Gruchmann 1962: 120) Für Daitz ist die Bevölkerung dieser Regionen genauso germanisch wie die Deutsche, und daher "würdig" ins Reich aufgenommen zu werden: "Wohl hat der Entwicklungsprozeß des nordischen Menschen uns in Engländer, in Holländer, in Norweger, in Schweden, in Dänen, in Isländer, in Finnen, in Deutsche geschieden. Aber unter der Oberfläche pulst immer das gleiche Blut... (Daitz 1936: 89) Als gemeinsame Lebensauffassung glaubt Daitz das "Wikingertum" zu erkennen.

Eine Studie der Seekriegsleitung vom 3. Juni 1940 über Raumerweiterung nach dem Krieg plädierte bereits für die Einbehaltung Belgiens und eines Teils von Nord- und Ostfrankreich; kleinere Staaten wie die Niederlande, Dänemark und Norwegen sollten zwar formell unabhängig aber in starker Abhängigkeit vom Reich gehalten werden. Himmler dachte auch daran einen burgundischen Staat zu schaffen. (Gruchmann 1962: 76) Nach Niederlage der Sowjetunion sollten auch Schweden und die Schweiz geschluckt werden. Für Frankreich sah Hitler eine territoriale Zerstückelung vor, er wollte eine "vergrößerte Schweiz"; die Grenze zu Deutschland sollte die des Heiligen Römischen Reichs sein. Um jeden Widerstand im Keim zu ersticken sollte Frankreich permanent besetzt bleiben. (Röhr 1996: 314-317)

Die südosteuropäischen Völker sollten halbautonom am Rande des Reichs leben, kontrolliert von der Reichsfestung Belgrad. Die in Norwegen und den Niederlanden eingesetzten Reichskomissare waren nur als Übergangsform gedacht; ihre Aufgabe war es diese neue Ordnung einzuführen und die Bevölkerung dafür zu gewinnen. Im Übrigen wurde auch die Judenpolitik benützt um die Regierungen der Satellitenstaaten mitschuldig zu machen und sie enger an das Schicksal Deutschlands zu binden.

Der wohl von seinen Herrschaftsansprüchen umfassendste Plan ist jener der Gesellschaft für Europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft: in einer Denkschrift wird festgestellt, daß der europäische Großraum "sämtliche Völker des Festlandes von Gibraltar bis zum Ural und vom Nordkap bis zur Insel Zypern mit ihren natürlichen kolonisatorischen Ausstrahlungen in den sibirischen Raum und über das Mittelmeer nach Afrika hinein" umfassen müße. Man sollte grundsätzlich nur von Europa sprechen "...denn die deutsche Führung ergibt sich ganz von selbst..." (zit. in: Giordano 1989: 227 und in Röhr 1996: 307)

Die gewaltsame Einigung Westeuropas übte einen gewaltigen psychologischen Einfluß auf die Bevölkerung dieser Gebiete aus; einige Kollaborateure – vor allem in Frankreich aber auch in den anderen besetzten Gebieten - benützten den Europa Begriff um eine Zusammenarbeit zu rechtfertigen. (siehe Benoist-Mechin 1943 sowie Brandt und Hosfeld 1999) Die Beeinflussung durch die Europa Propaganda verlor aber, wie schon erwähnt, jede Bedeutung, als spätestens nach einem Jahr die wirklichen Ziele der neuen Herren klar wurden. Der ideologische Größenwahn der Nationalsozialisten kommt treffend in dem folgenden Zitat Ganzers zutage, in dem er versucht die maximale Ausdehnung Großdeutschlands zu rechtfertigen:

Daß die Deutschen nicht mehr zwischen Rhein und Oder, sondern zwischen der Mass und der Weichsel, ja zwischen dem Kanal und dem Bug, den Westvogesen und den Karpaten, dem Nordmeer und dem europäischen Südkap die Ordnung zu wahren haben, ist die wiedererweckte Wirklichkeit eines tausendjährigen Schicksals...Das Bekenntnis zur Macht, der Mut zur Weite und der Ruf zur Führung wachsen nur in einem hochgezüchteten Menschentum. Es kommt darauf an, daß diese Elemente des neuen politischen und geschichtlichen Bewußtseins zu kristallischer Vollkommenheit ausgeformt werden. Der erlesene Menschenschlag, dem dies gelingt, bildet den politischen Adel des werdenden Reichs. Nur durch ihn wird das neue Europa geformt." (Ganzer 1943 in Schulze und Paul 1994: 384)
 
 

3.3. Lebensraum im Osten
 
 

Im Osten wurde der SS freie Hand gelassen. Himmlers Siedlungskonzept für den Ostraum gründete sich auf die "Blut und Boden" Ideologie und auf "germanisches Bauerntum". Die Industrie und sowjetischen Städte sollten zerstört werden; statt dessen würden großbäuerliche Siedler aus dem Reich deutsche Musterlandgüter errichten und bewirtschaften. (Röhr 1996: 342) Dazu wurde der sogenannte "Generalplan Ost" entwickelt (siehe Rasse und Siedlungshauptamt 1941) welcher die Gliederung der Polen in verschiedenste Wertungsgruppen von I (Eindeutschungsfähig) bis IV (nicht lebenswert) zur Folge hatte. (Giordano 1989: 168) Auch das alt-österreichisches Galizien, das Baltikum, die Krim (das zukünftige "Gotenland" wo man Südtiroler ansiedeln wollte) und die Wolga-Kolonie sollten deutsches Reichsgebiet werden. (Hoensch 1995: 316) In einer Rede über die Bedeutung des Ostens meinte Joseph Goebbels:

"Der Osten ist unsere nationale Peripherie. Hier gerade muß die Zirkulation unseres Volksbluts immer wieder angeregt und beschleunigt werden...Es wird einmal so sein, wie wir es früher oft erträumten..: Auf weiten Äckern werden hier gelbe Ähren wogen, Brot für unser Volk, auf eigener Scholle gewachsen. Harte Bauerngeschlechter werden im Osten die Wacht halten...Das Reich wird hier zu Hause sein in allen Menschen und auf allen Feldern. Jeder junge deutsche Mann wird es für eine Ehre halten müssen, wenigstens ein paar Jahre seines Lebens dem Osten zu weihen."

(Goebbels 1941: 430)

Das Ziel im Osten war also die Etablierung eines deutschen Herrenvolks und versklavter Untermenschen. Man wollte auch rassisch wertvolles, "Menschenmaterial" aus diesen Gebieten "abschöpfen" d.i. ins Reich eingliedern und dafür "Schmarotzer" und "Herumlungerer" aus dem Altreich in den Osten deportieren. (siehe Aly und Heim 1991: 140-1) Auf dem Reißbrett wurde eine neue soziale Ordnung geschaffen, in der der Mensch nur noch ein Faktor unter vielem war. (Aly und Heim 1991: 161)

Wie geschickt Hitler vorging um die wahren Absichten seiner Beutezüge zu verheimlichen, illustriert das folgende Zitat aus einer (natürlich streng geheimen) Besprechung über den geplanten Angriff auf die UdSSR:

Wir müssen genauso vorgehen wie in den Fällen Norwegen, Dänemark und Belgien. Auch in diesen Fällen hätten wir nichts über unsere Absichten gesagt...Wir werden also wieder betonen, daß wir gezwungen waren, ein Gebiet zu besetzen, zu ordnen, zu sichern. Im Interesse der Landesbewohner müßten wir für Ruhe, Ernährung, Verkehr usw. sorgen...Es soll also nicht erkennbar sein, daß sich damit eine endgültige Regelung anbahnt! Alle notwendigen Maßnahmen - Erschießen, Aussiedeln usw. - tun wir trotzdem...Wir sollten uns aber nicht irgendwelche Leute vorzeitig und unnötig zu Feinden machen. Wir tun also lediglich so, als ob wir ein Mandat ausüben wollten. Uns muß aber dabei klar sein, daß wir aus diesen Gebieten nie wieder herauskommen." (Hitler in Giordano 1989: 72)
 
 

3.4. Zuständige Stellen
 
 

Ähnlich wie in der allgemeinen Verwaltung gibt es auch bei den für Europa zuständigen Organisationen ein Wirrwarr an überschneidenden Kompetenzen. Als erstes wären die traditionellen staatliche Stellen wie das Reichswirtschaftministerium, das Reichsarbeitsministerium, das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das Reichsverkehrsministerium, das Auswärtige Amt, die Reichsbank, statistische Ämter und wirtschaftswissenschaftliche Institute zu nennen. Außerdem wurden, sozusagen als zweite Schicht, die Vierjahresbehörde sowie militärische Rüstungs und Beschaffungsämter neu gegründet. Als dritte Schicht sind die Ämter der Partei, vor allem das Außenpolitische und das Kolonialpolitische Amt der NSDAP sowie die Deutsche Arbeitsfront (DAF) anzugeben. Last but not least, mischten auch privatwirtschaftliche bzw. gemischt privatwirtschaftlich-staatliche Institutionen wie der IG Farben Konzern oder die Herman Göring Werke und etliche Banken kräftig an der Neugestaltung Europas mit. (siehe Eichholz 1997: 29-30)
 
 

3.5. Zentralclearing und Wirtschaft
 
 

Das Zentralclearing war ein Mechanismus zur zentralen Steuerung der internationalen Transaktionen der verbündeten oder unterworfenen Staaten. Es basierte auf der Reichsmark und bedeutete im praktischen Wirtschaftsleben, daß alle internationalen Transfers der beteiligten Staaten über Berlin abgewickelt wurden. Während viele Pläne zur Neuordnung Europas nie außerhalb akademischer Zeit- und Denkschriften verbreitet wurden, funktionierte das europäische Zentralclearing bis zum bitteren Ende. Da das Clearing System einen enormen Vorteil für Deutschland brachte, nennt Röhr es "verholener Raub" (Röhr 1996: 222). Die Warenschuld Deutschlands betrug gegen Kriegsende 35 Milliarden RM. (Roth 1996b: 185)

An der Neuordnung Europas waren, wie bereits angedeutet, Konzerne maßgeblich beteiligt. Die I.G. Farben, zum Beispiel, entwickelte ehrgeizige Pläne zur Reorganisation der europäischen Chemie Industrie unter ihrer Hegemonie. Die deutsche Bank und die Dresdner Bank kauften Banken in den besetzten Gebieten auf (Overy 1997: 23-24). Oft wurde die Übernahme von Firmen über Treuhänder oder Vermögensverwalter abgewickelt wie z.B. bei Krupp (siehe Röhr 1996: 256) oder durch skrupellose Arisierung und der Aneignung von "Feindvermögen".

Eine geplante Zollunion wurde interessanterweise von Vertretern des Raubkapitalismus torpediert, da dies zu einer Angleichung des Lebensstandards geführt hätte, was ausdrücklich nicht gewünscht wurde (siehe Roth 1996b: 184, Stirk 1996: 57-8). Reichswirtschaftsminister Funk gab die Ziele der Neuordnung recht unumwunden zu: "Die kommende Friedenswirtschaft muß dem Großdeutschen Reich ein Maximum an wirtschaftlicher Sicherheit garantieren und dem deutschen Volke ein Maximum an Güterverbrauch zur Erhöhung der Volkswohlfahrt." (Funk 1940: 22)

Hitler-Deutschland war auf europäische Rohstoffe angewiesen. Nach Roth war das Reich 1937/38 so gut wie bankrott, sodaß es nur zwei Alternativen gab: "...den Rückzug von der rüstungspolitischen Pseudoprosperität der Vollbeschäftigung – was die NS Diktatur politisch nicht überlebt hätte –...[oder der] Zugriff auf externe Ressourcen." (Roth 1996b: 182) Eine ähnliche Situation trat gegen Kriegsende ein: da Deutschland seine Clearing Schulden nicht bezahlen konnte, verringerte sich die Geschäftsbereitschaft anderer Staaten drastisch. 1944 apellierte Funk daher in Wien:

Für diesen Krieg opfert das deutsche Volk sein bestes Blut...Die Finanzierung der Clearingsalden ist somit der Beitrag, den wir...erwarten...Es dürfen nicht Lieferungen und Leistungen an Deutschland, die zur Führung des Krieges unerläßlich sind, deswegen unterbleiben weil ein Saldo besteht." (Funk 1944: 13-14)
 
 

3.6. Großraum Europa
 
 

In der Frühzeit des Nationalsozialismus war man bestrebt Deutschland autark zu machen. Dies änderte sich aber im Laufe der Zeit; Backe meint 1942: "Nicht die Autarkie jedes einzelnen europäischen Staates ist die Aufgabe, die die Zukunft stellt, sondern die Autarkie des Großraumes Kontinentaleuropa." (Backe 1942: 218). Ziel ist also "nicht Weltmarkt sondern Großmarkt Kontinentaleuropa." (Backe 1942: 209,ü) Backe scheute allerdings auch nicht vor dem skrupellosen Einsatz des Hungers zur Verringerung der "Übervölkerung" und um die deutsche Ernährung zu sichern. Göring faßte diese Politik zynisch zusammen: " Wenn gehungert wird, dann hungert nicht der Deutsche sondern andere." (zit. in Aly und Heim 1991: 376) Die Ukraine und das Wolga Becken wurden als die zukünftigen Kornkammern Europas gesehen, die man rücksichtslos ausbeuten konnte.

Zusammengefaßt wird die Ideologie der Großraumkonzeption treffend von Kroener:

"Hinter dem auch offiziell propagierten Begriff der "europäischen Großraumwirtschaft" verbargen sich langjährige Bestrebungen und Planungen für die Durchsetzung einer wirtschaftlichen Hegemonie Deutschlands auf dem Kontinent, den völligen Umbau der Nationalwirtschaften im Sinne einer Arbeitsteilung nach deutschem Interesse und den Zugang zu kolonialen "Ergänzungsräumen" in Osteuropa sowie in Übersee." (Kroener et. al 1999: 498)

Völkische Theoretiker wie Daitz stellten eine Verbindung zwischen dem wirtschaftlich-politischen Großraum Konzept und der rassenbiologischen Lebensraum-Theorie auf: "Ein echter Großraum ist der natürliche Lebensraum einer Völkerfamilie in dem diese aus eigener Kraft und eigenem Raum zu leben vermag...Volkstum und Völkerfamilie sind..der alleinige Urquell der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und rechtlichen Ordnung im Klein und Großlebensraum." (Daitz 1941b: Teil III 16)

Daitz entwickelt daraus vier "Lebensgesetze" im Großraum:
 


(Daitz 1938: Teil III 29)

Nach diesen Gesichtspunkten entwickelte Best ein vierstufiges Verwaltungsmodell:
 

(Best in Giordano 1989: 180)

Carl Schmitt versuchte die Großraumordnung als neues Völkerrechtsprinzip zu etablieren und berief sich dabei auf die amerikanische "Monroe-Doktrin" ("Amerika den Amerikanern"). Daraus entwickelte er das Schlagwort "Europa den Europäern" was aber wohl eher "Europa den Deutschen" heißen sollte, da es vor allem dazu gedacht war, die USA von einem Eingreifen auf dem alten Kontinent abzuhalten. (siehe auch Gruchmann 1962) Interessant ist, daß die Großraumkonzeption Rußland als dem europäischen Raum zugehörig sieht, d.h. der Kampf zwischen der UdSSR und Großdeutschland ist nicht ein Kampf um die Abgrenzung zwischen zwei Großräumen sondern um die Vorherrschaft zwischen 2 Mächten desselben Raumes. (Gruchmann 1962: 33) Dies ändert sich mit den Niederlagen des Jahres 1942; ab nun spricht man von einer Festung Europa, die man gegen die russischen Horden aus Asien verteidigen muß. (siehe auch Kapitel 4 und vgl. z.B. Frauendienst 1942: 114)

Giordano sieht die Pläne für einen europäischen Großraum nur als Vorstufe im Kampf um die Weltherrschaft, der sich in folgenden Stufen abspielen sollte.

Stufe 1: Deutschland als europäische Vormacht in einem autarken Großraum vom Atlantik bis zum Ural.

Stufe 2: Mittelafrikanischer Ergänzungsraum; Stoßrichtung über das Mittelmeer nach Norden und Westen Afrikas und gegen den Vorderen Orient mit Stoßrichtung Afghanistan und Indien.

Stufe 3: Kampf mit Amerika um die Weltherrschaft.

(Giordano 1989: 30)

 


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